P. José Ornelas Carvalho SCJ
anlässlich des Geburtstages von P. Leo Dehon am 14. März zum
'Tag der dehonianschen Berufung'

 

 

 

 

 

 

 

 

Liebe Mitbrüder,

einer der am meisten zitierten Texte der Lebensregel (Kst.7) bringt die Erwartung Pater Dehons zum Ausdruck, dass seine Ordensleute „Propheten der Liebe und Diener der Versöhnung" seien. Dieses Jahr möchten wir bei der Abfassung des Briefes an die Ordensgemeinschaft anlässlich des Jahrestags der Geburt von Pater Dehon an diese große Berufung der Ordensgemeinschaft selbst erinnern. Es ist ein Tag, an dem wir unserer Berufung gedenken, aber auch der Begründung, wa-rum wir andere auffordern, sich mit uns als Gemeinschaft zu verbinden. Wie laden andere dazu ein, weil wir überzeugt sind von der Notwendigkeit, den Dienst der Liebe und der Versöhnung in der Kirche und in der Welt fortzusetzen.

Diesen einleitenden Brief  zu unserer Berufung wird ein erdachtes Schreiben Pater Dehons an unsere Ordensgemeinschaft begleiten über das Thema dieses Jahres. Der Verfasser dieses Textes erinnert uns daran, dass Pater Dehon den Begriff „Versöhnung“ nicht benutzte; aber in seinen Schriften gibt es das Thema der „redamatio“ (= Wiederlieben), nämlich Liebe für Liebe zu ge-währen. „Legen wir all unser Vertrauen in seine Liebe und schenken wir ihm unsere Liebe zu-rück“ (NQT 1,99). Diese Worte fordern uns auf, die Versöhnung im Licht der Gabe seiner Liebe zu sehen, die wir empfangen haben.

Ein Teil unserer Sendung besteht darin, andere dazu aufzufordern, sich mit uns im Gebet und in Taten der Versöhnung zu vereinen. Wir tun es in dem Bewusstsein, dass wir wünschen, an dem einen Werk teilzunehmen, das nicht durch uns, sondern durch Gottes Barmherzigkeit getan wur-de. Das ist mehr denn je die Gabe der Frohbotschaft für unsere Zeit. Diejenigen von uns, die in nordischen Ländern leben, haben erfahren, wie schwer es geworden ist, diese Frohbotschaft zu hören. Es gibt große Schwankungen und Unsicherheiten, besonders bei den Jugendlichen, sie als Gabe, die auch an sie gerichtet ist, anzunehmen. In den vergangenen Jahrzehnten sind auf Grund des Einflusses der Säkularität auf das religiöse Bewusstsein, aber auch durch die Wogen der Missbrauchskandale das Ordensleben und der ausschließliche Einsatz für das Reich Gottes wenig anziehend. Diese Lage macht die Berufungspastoral besonders schwierig. Wir können nur dar-über froh sein, wenn wir hören, dass in manchen Ländern die Mitbrüder neue Wege gehen, um mit den Jugendlichen und den weniger Jungen in Kontakt zu treten. Die unter uns, die auf der südlichen Hemisphäre leben, freuen sich zwar über die Zahl der Jugendlichen, die ein Verlangen nach dem Ordensleben zeigen, sind sich aber auch stets jener Herausforderungen bewusst, die die modernen globalen und weltlichen Lebensbedingungen ihnen auf ihrem Lebensweg bereiten. Bei der Feier des Gedächtnisses der Geburt und des Lebens Pater Dehons anerkennen wir an diesem Tag das Werk derjenigen, die in der Berufungspastoral arbeiten und die darin eine wichtige Rolle spielen, um sein Andenken unter uns lebendig zu halten.

Wir betonen an diesem Tag auch das Leben und die geistliche Lebendigkeit jener Laien, die in Pater Dehon Anregung für ihr Leben gefunden haben. Im letzten Jahr hat die Generalleitung sich bemüht, mehr Laien in die Spiritualität Pater Dehons einzuführen. Eine kleine Gruppe von Deho-nianern hat begonnen, einen spirituellen Weg zusammenzustellen, der jenen dabei helfen wird, Pater Dehon und seine Spiritualität kennen zu lernen. Wir hoffen, nächstes Jahr eine erste Fas-sung dieses Werks zu bewerkstelligen.

Dieses Jahr fällt der 14. März mitten in die Fastenzeit. Für die Christen ist die Versöhnung un-entwirrbar gebunden an die Erzählung des Todes und der Auferstehung Jesu. Die Schwierigkeit, die Mauern zu durchbrechen, die die Menschen um sich herum gezogen haben, um sich von an-deren abzuschotten, gelangt zu uns kraft der Geschichte des Ausschlusses, der Verurteilung und des Todes Jesu. Er wurde für uns zur Sünde: er wurde ausgeschlossen. Im Herzen der Versöh-nung und Umkehr der Menschen gibt es folgerichtig das Leiden und den Tod Jesu. Die Freiheit und das Leben, die Jesus wieder gebracht hat, sind durch seinen Tod hindurchgegangen, um als Kraft des Heiligen Geistes zum Durchbruch zu kommen über die Welt in dem, was wir als seine Auferstehung benennen. Deshalb sind die Erzählungen über seine Auferstehung voll von Wün-schen des Friedens und der Kraft zur Vergebung. Der zerschlagene und auferstandene Leib Jesu, der sich in der Wunde seiner Seite darstellt, hat die verzweifelten, ängstlichen und entmutigten Jünger zu einer neuen Gemeinschaft vereinigt. Die Erinnerung an die Gewaltanwendung – die Wunden in den Händen, den Füßen und in der Seite Jesu – überdauern als Zeichen, die in den Leib des Auferstandenen eingeschrieben sind. Es ist der gekreuzigte Jesus, der mit und in Gott ist. Die Gewalt der Welt führt zur heilenden Gegenwart Gottes. Das ist die Berufung, die wir le-ben und anderen zur Teilnahme anbieten dürfen. Das Kreuz bleibt das Zeichen einer möglichen Umwandlung der Menschheit in eine versöhnte Gemeinschaft.

Das ist die Berufung, die wir leben dürfen und die uns auffordert, mit anderen zu teilen. Wir wünschen Euch einen schönen Tag des Gedenkens an Pater Dehon und seinen Dienst der Ver-söhnung, den er in unserer Familie fortwährend verwirklicht.

Im Herzen Jesu

P. José Ornelas Carvalho
Generaloberer